Thurnhofer in Böhmen

Ausgangspunkt für das Vorhandensein der Thurnhofer in Böhmen ist, dass sie sich parallel zu einer der Abstammungslinien der von Thurn bewegten.

Wie auch der Vater Veit (Guido) von Thurn waren alle Söhne Reichsgrafen und verwalteten Böhmen und Mähren. Durch Heirat kamen noch viele Besitzungen in Böhmen und Mähren dazu. (siehe Auszug aus dem Stammbaum unten).

Wollte man nach dem Aufenthalt Thurnhofer in den 70 Jahren von ca. 1505 bis 1620 in Böhmen suchen,  auch wenn die Thurnhofer auf dem Sitz der Thurn oder in unmittelbarer Nähe ansässig gewesen sein mussten, so gliche das einer Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Der Auszug aus dem Stammbaum der Thurn zeigt die Orte, die später von den Konfiszierungen, Streichungen im Landregister und/oder Schleifungen der Gebäude betroffen waren.
  2. Es ist fraglich ob sich nach der Katholisierung noch evangelische Geburtsurkunden und andere Dokumente finden lassen, da auch Kirchen zerstört wurden.
  3. Spätestens nach 1945 wurden alle Ortsnamen in Tschechisch geändert. Es gibt zwar ältere Karten, doch die Suche ist sehr mühsam und wahrscheinlich wenig erfolgversprechend.
  4. Mit der Vertreibung 1620 wurde auch der Anhang vertrieben, zu denen auch die Thurnhofer gehörten. Aus der Sicht der Thurn war der Anhang, so auch die Thurnhofer, jedoch Unterstützer im letzten Kampf. Dies wird deutlich mit dem Ende des Heinrich Matthias von Thurn in Steinau (Schlesien).

Kurze Geschichte Böhmens von 1609 bis 1920

Ende des 16. Jahrhunderts existierten in Böhmen zwei religiöse Lager: Auf der einen Seite die Anhänger der Lehre des Abendmahlskelches(Hussiten, später Böhmische Brüder oder Brüder-Unität), die inzwischen einen Großteil der Gläubigen in Böhmen zählte, auf der anderen Seite die Katholiken. Die Brüder-Unität und ihre Vertreter wurden durch die römische Kirche immer wieder unter Bann gestellt und ihr Wirken verboten. Ihre Kirchen wurden geschlossen, die Bücher verbrannt.
1609 erließ Kaiser Rudolf II. ein Dekret, in dem er als Dank für die Unterstützung der böhmischen Stände im Kampf gegen Erzherzog Matthias die Religionsfreiheit verbriefte und den Glaubenszwang durch Landesherren untersagte (Majestätsbrief). Zum Schutz der nichtkatholischen Gläubigen wurde ein Defensorkollegium eingerichtet, das aus je zehn Bürgerlichen, Rittern und Vertretern des Herrenstandes bestand, zu denen auch die Thurn gehörten. .
Als Matthias, seit 1612 Rudolfs Nachfolger als Kaiser und als König von Böhmen, seine Residenz nach Wien verlegt hatte, kam es in Böhmen durch seine Statthalter zur Stärkung der katholischen Kräfte. 1615 verschärfte sich dann die religiöse, aber auch die politische Situation in ganz Europa. Auch die Thronnachfolge für den inzwischen schwer erkrankten Matthias in Böhmen war von vornherein konfliktbelastet. Am 6. Juni 1617 wurde Erzherzog Ferdinand schließlich zum König von Böhmen gewählt. Ferdinand ging sofort daran, umfangreiche Rekatholisierungsmaßnahmen in Böhmen durchzusetzen und die Rechte der Stände einzuschränken. Beide Maßnahmen liefen dem Vertragstext des Majestätsbriefes zuwider und belasteten das Verhältnis der Stände zu dem neuen Herrscher schwer.
1617 mündete der innere Konflikt in offene Feindschaft. Als die Katholische Liga in Braunau eine evangelische Kirche schloss und auf den erzbischöflichen Ländereien in Klostergrab eine nichtkatholische Kirche abgerissen wurde, versammelten sich die Adeligen im März 1618 und verfassten ein an Matthias gerichtetes Protestschreiben. Dieser verbot daraufhin weitere Standesversammlungen.
Der Ungehorsam der protestantischen böhmischen Stände hielt jedoch an. Am 21. Mai 1618 trafen sie sich im Prager Karolinum. Nicht dabei waren Vertreter der Königsstädte. Aus einer zunächst ruhig verlaufenden Versammlung wurde schließlich nach einer Rede von Heinrich Matthias von Thurn eine tumultartige Veranstaltung.
Am 23. Mai 1618 begaben sich einige der Teilnehmer, darunter Matthias Thurn, schließlich auf die Prager Burg. Nach einem langen Streitgespräch mit den dort weilenden Statthaltern Ladislaus von Sternberg, Diepold von Lobkowitz, Jaroslav Borsita von Martinic und Wilhelm Slavata, hielten sie ein improvisiertes Gericht ab und warfen die kaiserlichen Statthalter Slavata und Martinic sowie den Kanzleisekretär Philipp Fabricius aus den Burgfenstern. Sie verletzten sich dabei nur leicht und kamen mit dem Schrecken davon („Prager Fenstersturz“).
Nach dieser sogenannten Defenestration wählten die Aufständischen am 24. Mai 1618 aus ihren Reihen ein dreißigköpfiges Direktorium und enthoben die bisherigen Regenten ihrer Macht. Das Direktorium bestand aus jeweils zehn Vertretern des jeweiligen Standes. Zum Vorsitzenden wurde Wenzel Wilhelm von Ruppau gewählt. Kurz danach wurde mit dem Aufbau einer Armee begonnen und Matthias Thurn ihr Oberbefehlshaber.
Damit kam es auch zum endgültigen Bruch mit den Herrschern in Wien, die auf die Situation in Prag zunächst konzeptlos und verwirrt reagierten. Der von den Ereignissen überraschte Kaiser Matthias, kein Mann schneller Entschlüsse, wusste nicht weiter. Der designierte Nachfolger, Erzherzog Ferdinand, bewarb sich zum gleichen Zeitpunkt in Pressburg um die Stephanskrone. Der erste Minister, Erzbischof Melchior Khlesl, war ebenfalls ratlos.
Mähren schloss sich am 2. Mai 1619 dem Widerstand an.
In der Anfangsphase wurde von den Adeligen die Vorherrschaft der Habsburger noch anerkannt. Dennoch begannen sie mit der Vertreibung der Jesuiten und Konfiszierung des katholischen Vermögens zur Finanzierung ihrer Feldzüge.
Nach dem Tod des Kaisers Matthias im März 1619 verweigerten sie dem Nachfolger Ferdinand von der Steiermark gänzlich die Gefolgschaft, zumal sich die Lage für die Rebellen durch innere Krisen im Haus Habsburg besserte. Karl der Ältere von Žerotín wurde als Verwalter Mährens zur Übergabe seiner Macht an den kämpferischen Ladislav Velen von Zerotein gezwungen.
Am 31. Juli 1619 wurde die neue Verfassung verabschiedet. Böhmen wurde zu einer Konföderation gleichberechtigter Länder, angeführt von einem wählbaren Herrscher. Dieser Konföderation schloss sich auch ein Teil des österreichischen Adels an. Am 19. August 1619 wurde Ferdinand endgültig abgesetzt und am 26. August 1619 der Anführer der deutschen Kalvinisten Friedrich von der Pfalz zum König gewählt.
In der Zwischenzeit wurde Ferdinand am 28. August 1619 von den deutschen Kurfürsten trotz der Ereignisse in Böhmen zum neuen Kaiser gewählt.
Der habsburgische Kaiser vergewisserte sich indes der finanziellen und ideellen Unterstützung der spanischen Krone, des Papstes und vor allem der katholischen Liga. Ferdinand verband sich mit Maximilian von Bayern, dem er im Falle des Sieges die kurfürstliche Stimme des Friedrich von der Pfalz versprach. Das mächtige Sachsen unter Führung des Johann Georg von Sachsen, das Expansionspläne nach Lausitz und Schlesien hatte, verhielt sich neutral. Am 3. Juli 1620 wurde schließlich ein Neutralitätsabkommen zwischen der protestantischen Union und der katholischen Liga geschlossen.
Die Übermacht des Kaisers Ferdinand wuchs damit, während die böhmischen Adeligen zusehends in Isolation gerieten. Nach der Kapitulation der österreichischen Stände am 20. August 1620 und deren Abspaltung von der Konföderation begann man mit der Vorbereitung des Zuges der kaiserlichen Armee auf Böhmen, unterstützt durch Heere der Liga. 1620 marschierten die Truppen unter der Führung des ligistischen Feldherrn Johann t’Serclaes von Tilly über Gratzen ein, nahmen Kurs auf Budweis und belagerten Westböhmen. Christian von Anhalt zog mit einem zweiten Heer über Mähren nach Böhmen. Am Weißen Berg bei Prag nahmen sie strategisch wichtige Positionen ein. Als das böhmische Ständeheer, ein Haufen undisziplinierter, ermüdeter und schlecht bezahlter Söldner, am 8. November 1620 schließlich eintraf, entschied die Liga die Schlacht innerhalb von zwei Stunden zu ihren Gunsten.

Der Teil des Direktoriums, dem die Flucht nicht mehr gelang, wurde inhaftiert, 43 von ihnen wurden zum Tod verurteilt. Am 21. Juni 1621 wurden 27 von ihnen in der Prager Altstadt exekutiert.
Die Köpfe von 12 Verurteilten waren zur Abschreckung und Mahnung zehn Jahre lang am Prager Altstädter Brückenturm an langen Stangen aufgesteckt.
Das Vermögen und die Ländereien der Exulanten und der Hingerichteten wurden konfisziert, darunter 115 Herrschaften und Höfe.

Die Folgen des Aufstandes waren für die böhmische Nation katastrophal und stärkten die zentralistische Machtposition der Habsburger. 1627 wurde in Wien eine neue Verfassung, die so genannte „Verneuerte Landesordnung“ ratifiziert, in der das Erbrecht der Habsburger auf den böhmischen Thron festgeschrieben, die katholische Lehre als einzige Religion zugelassen und die deutsche Sprache der tschechischen gleichgestellt wurde. König Ferdinand schnitt den Majestätsbrief Rudolfs II. eigenhändig auseinander. Den böhmischen Ständen wurde das Recht der Königswahl und -bestätigung aberkannt.
[Wikipedia Ständeaufstand ]

Die Folgen für die Thurn, die Reichsgrafen in Böhmen und Österreich waren.

Neben der Verfolgung und Exekution, sofern man ihnen habhaft wurde, und den Konfiszierungen von Eigentum bzw. Zwang zum Verkauf, wurde eine große Geschichtsfälschung begangen, die bis heute anhält. Der Name Thurn durfte, sofern sie an dem Aufstand beteiligt waren, nicht mehr erwähnt werden. Aus Chroniken wurde der Name entfernt. Burgen und Schlösser wurden geschliffen.
Erst wenn man erkannt hatte, was hier passiert war, dann war man nicht mehr überrascht, beim Besuch eines Ortes, der für die Forschung wichtig sein konnte, auf keine Ergebnisse zu stoßen. Es war, als hätte es diese Geschichte nie gegeben.

Hierzu einige Beispiele:

  1. Chronik von Thurn bei Lienz (Osttirol)
    Es ist bis heute in Lienz unbekannt, dass das Wappen zu den von Thurn und von Lueg gehört und dass sich diese in mehreren Generationen dort aufhielten (Streichung in der Landtafel/Kataster). Genauso kann man annehmen, dass das Schloss, wegen der Beteiligung am Aufstand geschliffen wurde.
  2. Chronik von Thurn bei Schenna (Westtirol bei Meran) und Thurnstein (Dorf Tirol)
    Der Aufenthalt der Thurner bei Thurn(Schenna)/Rothenthurn belegt mit ihrer Verwaltungsnähe das Vorhandensein der von Thurn. Der Name Rothenthurn weist auf das Wappen der Thurn hin „roter Turm“.
  3. Chronik Oberrußbach
    1590 scheinen die Thurn vorübergehend als Inhaber der Herrschaft auf.
  4. Chronik von Laa/Thaya
    1619 war sie von Matthias Thurn besetzt.
  5. Chronik von Unterstinkenbrunn
    1619 schloss hier der mit seinen Truppen aus Mähren eingefallene Graf Matthias Thurn einen Vertrag, nach dem er sich aus Niederösterreich hätte zurückziehen sollen, was er aber vorerst nicht tat. Bald danach übernahmen die auf Ernstbrunn sitzenden Sinzendorfer das zu einer eigenen Herrschaft gewordene Unterstinkenbrunn.

Die Böhmischen, Mährischen und Österreichischen Sitze der Thurn
(Auszug Stammbaum)

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